Brücken bauen – Exkursion durch die WfbM
Psychische Erkrankungen verstehen: Einblicke in unsichtbare Lebensrealitäten

Bericht zum Projekt „Brücken bauen“ im Rahmen des Katholikentags Würzburg 2026
Mit dem Inklusionsprojekt „Brücken bauen – Psychische Erkrankungen verstehen und erleben“ zeigte die WfbM des Erthal-Sozialwerks auf dem Katholikentag 2026, wie Begegnung Vorurteile abbauen und Verständnis fördern kann.
Wie fühlt es sich an, wenn Zwangsgedanken den Alltag bestimmen? Wenn Angst plötzlich den ganzen Körper lähmt? Wenn ungefilterte Reize zur Überforderung werden oder Depressionen selbst kleine Schritte schwer machen? Psychische Erkrankungen sind für viele Menschen noch immer mit Vorurteilen, Unsicherheit und gesellschaftlicher Stigmatisierung verbunden. Betroffene erleben dadurch häufig unsichtbare Barrieren – etwa Angst vor Ablehnung, fehlendes Verständnis oder Berührungsängste im Alltag.
Mit einem außergewöhnlichen Angebot hat die Werkstatt für Menschen mit psychischer Erkrankung und Behinderung (WfbM) des Erthal-Sozialwerks (ESW) beim Katholikentag 2026 in Würzburg genau diese Lebensrealitäten erfahrbar gemacht – nicht theoretisch, sondern unmittelbar, intensiv und menschlich.
Unter dem Leitgedanken, psychische Erkrankungen nicht nur zu erklären, sondern erlebbar zu machen, öffnete die WfbM ihre Räume für Besucher:innen des Katholikentags. Entstanden ist ein interaktives Projekt, das Aufklärung, Begegnung und Inklusion miteinander verbunden hat. Entwickelt und umgesetzt wurde das Projekt gemeinschaftlich von Mitarbeitenden der WfbM mit eigener psychischer Erkrankung sowie Fachkräften aus dem Sozialdienst, Gruppenleitungen und weiteren Kolleg:innen aus unterschiedlichen Bereichen der Werkstatt.
Ebenso brachten Studierende, Kolleg:innen aus dem Wohnverbund des ESW, Freiwillige, externe Unterstützer sowie Ex-In-Begleiter ihre Perspektiven mit ein und unterstützten das Projekt aktiv. Dadurch entstand ein offener Austausch zwischen Menschen innerhalb und außerhalb der Werkstatt. Das Projekt griff damit bewusst den Gedanken der Sozialraumorientierung auf: Psychische Erkrankungen sollten nicht isoliert betrachtet werden, sondern im gesellschaftlichen Miteinander sichtbar, verständlich und besprechbar werden. Durch die Begegnung unterschiedlicher Menschen, Erfahrungen und Perspektiven konnten Berührungsängste abgebaut, Verständnis gefördert und neue Verbindungen geschaffen werden.
Einblicke in die Lebensrealitäten psychisch erkrankter Menschen
Die Besucher:innen wurden während der Exkursion in kleinen Gruppen durch insgesamt vier interaktive Erlebnisräume geführt. Jeder Raum widmete sich einer anderen psychischen Erkrankung oder Lebensrealität – darunter Zwangserkrankungen, Depressionen, Angststörungen und Autismus. Den Abschluss der Führung bildete ein selbstproduzierter Film zum Thema paranoide Schizophrenie sowie der persönliche Austausch mit den Betroffenen.
Die einzelnen Stationen sollten dabei nicht schockieren, sondern einen Perspektivwechsel ermöglichen: Wie erleben Menschen mit psychischen Erkrankungen ihren Alltag? Welche Belastungen sind für Außenstehende oft unsichtbar? Und wie können Verständnis, Begegnung und gesellschaftliche Teilhabe gestärkt werden? Erfahrungsberichte, Gespräche mit Betroffenen sowie Informationen zu Symptomen, Behandlungsmöglichkeiten und dem gesellschaftlichen Umgang mit psychischen Erkrankungen sollten den Raum geben nicht „über“ Menschen mit psychischen Erkrankungen zu sprechen, sondern mit ihnen in Kontakt zu kommen, Fragen stellen zu dürfen und so Unsicherheiten abzubauen.
Ein Beispiel für moderne Inklusionsarbeit
Mit dem Projekt zeigt die WfbM des Erthal-Sozialwerks, was moderne Inklusionsarbeit bedeuten kann. Die Teilnehmenden beschrieben die Führungen durch die Erlebnisräume als informativ, eindrücklich und nachhaltig bewegend. Eine Besucherin sagte am Ende: „Das war das beste Angebot des Katholikentags, das ich bisher erlebt habe.“
Auch intern fiel die Bilanz durchweg positiv aus. Sowohl Mitarbeitende als auch Personal berichteten von intensiven Gesprächen, großer Offenheit und einer Atmosphäre, die von gegenseitigem Respekt geprägt war.
Inklusion entsteht nicht allein durch räumliche Teilhabe oder gesetzliche Vorgaben. Sie entsteht dort, wo Menschen miteinander ins Gespräch kommen, Vorurteile abbauen und sich gegenseitig verstehen lernen.
Bewerbung für den Inklusionspreis
Die WfbM des ESW hat sich mit dem Projekt deshalb auch für den Inklusionspreis beworben, denn es zeigt, wie Aufklärung, Selbstvertretung und gesellschaftliche Teilhabe miteinander verbunden werden können.
Geplant ist, das Angebot künftig erneut umzusetzen – beispielsweise als Tag der offenen Tür oder speziell für Schulklassen und Studierende. Denn echte Inklusion bedeutet auch, Menschen mit psychischen Erkrankungen eine Stimme zu geben und ihnen Raum zu geben, selbst über ihre Lebensrealität zu sprechen.
*Hinweis: In der Werkstatt für Menschen mit psychischer Erkrankung und Behinderung des Erthal-Sozialwerks werden die beschäftigten Klient:innen als „Mitarbeitende“ bezeichnet. Die angestellten Fachkräfte und Beschäftigten der Werkstatt werden als „Personal“ benannt.
Die interaktiven Erlebnisräume:
Raum „Zwänge“: Wenn Alltägliches zur Qual wird

Im Themenraum zu Zwangserkrankungen erwartete die Besucher:innen eine Atmosphäre permanenter innerer Anspannung. Unterschiedliche Stationen griffen typische Gedanken- und Handlungsmuster von Zwangserkrankungen auf: Büroklammern mussten sortiert, Linien exakt abgelaufen, Fenster kontrolliert oder Waschvorgänge nach bestimmten Regeln durchgeführt werden.
Im Hintergrund lief dauerhaft eine eindringliche Stimme: „Wenn du das nicht machst, wird etwas Schlimmes passieren“, „Das ist noch nicht genug“, „Bist du sicher, dass du die Tür geschlossen hast“.
Die Besucher:innen erlebten dadurch unmittelbar, wie belastend und vereinnahmend Zwangsgedanken sein können. Gleichzeitig wurde erklärt, dass Betroffene häufig sehr genau wissen, dass ihre Gedanken irrational erscheinen – sie sich ihnen jedoch kaum entziehen können. Besonders eindrucksvoll war für viele Gäste die Erkenntnis, wie erschöpfend bereits alltägliche Situationen werden können.
Raum „Depression“: Wenn negative Gedanken das Leben bestimmen

Vor dem Betreten des Depressionsraums erhielten die Besucher:innen eine etwa acht Kilogramm schwere Tasche. Das zusätzliche Gewicht sollte symbolisieren, wie belastend selbst einfache Tätigkeiten für Menschen mit Depression sein können. Der Raum selbst war abgedunkelt und nahezu farblos gestaltet. In der Mitte stand ein einzelner Stuhl – Sinnbild für Isolation, Rückzug und Einsamkeit. Ergänzt wurde die Installation durch persönliche Erfahrungsberichte, Beschreibungen von Betroffenen sowie Informationen zu Symptomen und Verlauf depressiver Erkrankungen.
Viele Besucher:innen beschrieben den Raum im Nachgang als besonders bedrückend und emotional. Die Kombination aus körperlicher Belastung, Dunkelheit und Stille machte spürbar, wie lähmend Depressionen sein können – weit über „Traurigkeit“ hinaus.
Raum „Ängste“: Wenn Angst zum Selbstläufer wird

Besonders intensiv erlebten viele Teilnehmende den Themenraum zu Angststörungen. Die Besucher:innen wurden zunächst in einen komplett abgedunkelten Raum geführt und zusätzlich mit Augenmasken ausgestattet. Dann begann eine bewusst irritierende Reizsituation: plötzlich laute Geräusche, sich überschlagende Stimmen, ein platzender Luftballon, unerwartete Berührungen durch Federn oder schwere Decken.
Parallel flüsterte eine Stimme Sätze wie: „Die anderen können das doch auch“ oder „Wieso stellst du dich so an?“. Innerhalb weniger Minuten entstand eine spürbare Beklemmung. Viele erschraken, zuckten zusammen oder berichteten anschließend von einem Gefühl des Kontrollverlusts.
Im anschließenden Gespräch konnten Fragen an Fachkräfte sowie an Betroffene gestellt werden, die anonymisiert hinter einer Schattenwand über ihr Leben mit Angststörungen sprachen. Gerade dieser persönliche Austausch wurde von vielen Gästen als besonders wertvoll empfunden.
Raum „Autismus“: Wie ist es im Spektrum zu sein

Der Raum zum Thema Autismus machte erfahrbar, wie herausfordernd ungefilterte Reize sein können. Überall wirkten gleichzeitig Geräusche, Farben, Gerüche und unterschiedliche Materialien auf die Besucher:innen ein: Stimmen aus Lautsprechern, Luftpolsterfolie auf dem Boden, Räucherstäbchen, Katzenfuttergeruch, hängende Stoffe, Lichtreize und visuelle Ablenkungen.
Parallel dazu mussten Aufgaben gelöst werden: Welche Emotion zeigt ein Gesicht? Wie sind Sprichworte gemeint? Was ist wörtlich, was übertragen? Die Besucher:innen merkten schnell, wie anstrengend soziale Interpretation und gleichzeitige Reizverarbeitung sein können. Gleichzeitig gab es bewusst einen kleinen Rückzugsort – ruhig gestaltet, abgeschirmt und mit speziellen Interessensgebieten rund um Käferarten ausgestattet. Damit wurde auch sichtbar gemacht, wie wichtig Rückzugsmöglichkeiten und individuelle Interessen für viele Menschen im Autismus-Spektrum sein können.
Film „Paranoide Schizophrenie“: Das mit den verschiedenen Persönlichkeiten oder etwa nicht?

Den emotionalen Abschluss bildete ein selbstproduzierter Film von Mitarbeitenden der WfbM mit paranoider Schizophrenie. Der Film zeigte aus der Ich-Perspektive, wie sich die Erkrankung zunächst schleichend entwickelt, wie Gedanken und Stimmen immer präsenter werden und wie sich Realität und Krankheit zunehmend vermischen. Besonders eindrücklich war das Wechselspiel zwischen innerer Stimme und krankheitsbedingten Stimmen.
Die Zuschauer:innen erlebten hautnah, wie stark sich die Symptome auf Alltag, Beziehungen und Selbstwahrnehmung auswirken können. Im Anschluss stellten sich zwei Betroffene den Fragen des Publikums. Viele Gäste zeigten sich tief bewegt vom Mut der Beteiligten, so offen über ihre Erkrankung und ihre persönlichen Erfahrungen zu sprechen.
Abschluss der Führung mit Einblick in die Arbeit der Werkstatt
Nach dem Film über paranoide Schizophrenie für die Frauenbeauftragte der WfbM bewusst zu einem positiven Abschluss. Mit den kleinen Projektionen und dem Film zum 40-jährigen Jubiläum wurde gezeigt, wie vielfältig die Menschen und Arbeitsbereiche in der WfbM sind und wie wichtig die Tagesstruktur sowie der geschützte Rahmen der Werkstatt für viele Menschen nach psychischen Krisen sind. Auch in den anschließenden Fragen wurde deutlich, wie bedeutend diese Stabilisierungsmöglichkeiten für viele Betroffene sind.
Beitragsbild: Gruppenfoto aller Beteiligten des Inklusionsprojekts der WfbM des Erthal-Sozialwerks beim Katholikentag 2026 in Würzburg. Mitarbeitende und Personal gestalteten gemeinsam interaktive Erlebnisräume zu psychischen Erkrankungen (Foto: Tobias Hestner, Tatenwerk gGmbH).