Orientierung für motivierte Jugendliche

Bericht aus der Ausgabe 18/25 des Sonntagsblatts.

Eine lachende junge Frau steht unter einem Baum. Eine zweite Person steht mit dem Rücken zum Fotografen. Auf dem T-Shirt der zweiten Person steht "Jetzt Welt fairändern".

In der Diözese Würzburg gibt es jährlich 86 Stellen im Rahmen des Freiwilligendienstes. Auch der Katholikentag besetzt vier Posten. Doch der diesjährige Abiturjahrgang ist klein. Zur Zeit ist unklar, wie viele Stellen diesmal besetzt werden.

In den vergangenen Jahren gab es jährlich rund 34.000 Abiturienten in Bayern. Dieses Jahr sind es nur etwa 5500. Denn an bayerischen Gymnasien wird von G8 auf G9 umgestellt. Statt zwölf braucht es nun wieder dreizehn Jahre für die allgemeine Hochschulreife. Schüler des letzten G8-Jahrgangs machten bereits 2024 ihren Abschluss, der kommende G9-Jahrgang folgt erst im Jahr 2026.
Dieses Jahr machen nur Wiederholer aus dem Vorjahr und Schüler von Sonderprogrammen Abitur – in Unterfranken etwa 870 Personen, sonst sind es etwa 3400. Das macht sich auch bei der Stellenbesetzung für Freiwilligendienste bemerkbar. In der Diözese Würzburg gibt es jährlich 86 Stellen für Freiwilligendienstleistende. Allein 63 davon bei der Caritas – in Kindergärten, Seniorenheimen, Bildungshäusern oder Wohnheimen.
Der Einsatz von Bundesfreiwilligendienstleistenden (Bufdis) muss „arbeitsmarktneutral“ erfolgen, erläutert Reinhold Großmann. Er ist seit 2016 pädagogische Leitung der Caritas für den Bundesfreiwilligendienst (BFD) in der Diözese Würzburg. „Arbeitsmarktneutral“ heißt, dass Bufdis nicht in den Stellenplan mit einbezogen
werden dürfen. Sie sind kein Fachpersonal und können zum Beispiel Mitarbeiterknappheit nicht auffangen,
sagt Großmann. Sie seien eine Bereicherung, die zusätzliche Aufgaben übernehmen oder sich mehr Zeit für Aufgaben nehmen können.

Ein Schritt zu Ausbildung und Beruf

Dennoch geht etwas verloren, wenn die Stellen nicht besetzt werden. Die Caritas führt zwar keine Statistik
darüber, doch Großmann schätzt: „Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, jeder Fünfte ergreift danach einen Beruf, den er über den Bundesfreiwilligendienst kennengelernt hat.“ So war es bei Justin Tietze. Er ist 23 Jahre alt und seit vergangenem Jahr ausgelernter Heilerziehungspfleger. Nach seinem Schulabschluss begann er aber zuerst eine Ausbildung zum Erzieher. „Ich wusste, ich will irgendwas mit Menschen machen“, sagt er. Doch die Arbeit mit Kindern habe ihm nicht getaugt, deshalb brach er die Ausbildung ab.
Im Jahr 2020 begann er dann seinen BFD im St. Josefs Stift in Eisingen und arbeitete in einer Wohngruppe für Männer mit Behinderungen. „Erstmal habe ich Kontakt zu den Bewohnern geknüpft, zum Beispiel durch Spaziergänge und andere Freizeitaktivitäten“, erzählt er. Als sie einander vertrauten, hat er auch die Körperpflege übernommen. Während seines BFDs habe er überhaupt erst von dem Beruf des Heilerziehungspflegers erfahren, sagt Tietze. „Ich finde es schön, welche Wertschätzung einem entgegenkommt – schon allein dadurch, dass ich das Angebot zur Übernahme bekommen habe. Und bei den Bewohnern weiß man einfach, das ist eine direkte und ehrliche Rückmeldung.“

Arbeit kann leichter sein als Schule

Auch Leonie Voshage, die ihren BFD in der Jugendbildungsstätte auf dem Volkersberg absolviert, findet die
Abwechslung zum Schulalltag bereichernd. Hier gebe es eine andere Form des Umgangs, sagt sie. Alle sind per Du und sie muss auch niemanden um Erlaubnis bitten, wenn sie auf die Toilette gehen will. Die Arbeit falle ihr sogar leichter als Schule, sagt die 17-Jährige mit Realschulabschluss. Als Bufdi in der Haustechnik befüllt sie Automaten, gießt Blumen und mäht den Rasen.
„Den Leistungsdruck wie in der Schule habe ich hier nicht“, sagt Voshage. Auch die Seminare, die Bufdis besuchen, liegen ihr viel besser als der Schulunterricht. Einmal hat sie bei der Kinderferienbetreuung ausgeholfen und hat seither zum Ziel, einen Beruf zu ergreifen, in dem sie mit Kindern arbeitet.

Auch die kirchliche Jugendarbeit (kja) bekomme vermehrt Bewerbungen von 15- und 16-Jährigen für
ausgeschriebene Freiwilligendienste, sagt die pädagogische Leitung Annika Herzog. Doch ihr Einsatz sei
arbeitsrechtlich schwierig. In der Jugendarbeit komme es zu Abend- und Wochenenddiensten, sagt sie. Minderjährige dürfen nur bis 20 Uhr und am Wochenende gar nicht arbeiten, Ausnahmen gibt es nur für bestimmte Berufsfelder wie die Gastronomie.
Es bleibt dabei: „Die Mehrheit der Freiwilligendienstleistenden kommt vom Gymnasium. Sie haben ihr Abitur
oder Fachabitur gemacht“, sagt Herzog. In der Vergangenheit hatte die kja oft mehr Bewerbungen, als Stellen zu besetzen waren. Schon seit einer Weile beobachtet Herzog einen Rückgang.
Auch die zwei Bufdis im Jugendhaus St. Kilian in Miltenberg waren schon volljährig, als sie ihren Dienst in der Jugendarbeit begonnen haben. Lina Hörnig hat Abitur gemacht, Emilia Kern Fachabitur.
Im Garten des Jugendhauses sitzen sie mit Zehntklässlern in einem Sitzkreis und sprechen über „Fast Fashion“. Zunächst sollen die Schüler ihre eigene Kleidung begutachten. Was verrät der Waschzettel über das
verwendete Material? Und wo wurde das Kleidungsstück produziert? Dann sprechen sie über die Produktion
in unterschiedlichen Regionen, über Arbeitsbedingungen und „Greenwashing“ – das Vortäuschen von
Nachhaltigkeit durch irreführende Werbung.
In Zweiergruppen bereiten die Schüler eine Präsentation vor, zu einer Klamottenmarke ihrer Wahl. Als es darum geht, ihre Erkenntnisse vorzustellen, gibt es kaum Freiwillige. Kern und Hörnig helfen nach und
sprechen Gruppen direkt an. Auch ihnen sei das Präsentieren vor der Klasse früher schwergefallen, erzählen
sie. Was sie in der Schule beunruhigt hat, gehört heute zu ihrem Alltag, zum Beispiel vor großen Gruppen zu
sprechen und sich durchzusetzen, wenn nötig.
Kern sagt: „Ich merke auch privat, dass ich mich öfter traue, meine Meinung zu sagen, dass ich selbstbewusster geworden bin.“ Hörnig hat sich zuvor weniger zugetraut, sagt sie. „Jetzt, da ich es eigenständig mache, machen muss, habe ich gemerkt, dass ich es kann.“
Auch wissen sie dank BFD, was ihnen bei der Berufswahl wichtig ist. „In Kursen oder in großen Gruppen ist es schwierig, auf individuelle Bedürfnisse einzugehen“, meint Emilia Kern. „In meinem zukünftigen Beruf möchte ich auf die einzelne Person achten.“ Nach dem Bundesfreiwilligendienst lässt sie sich zur Logopädin ausbilden. Lina Hörnig wird ein sozialwissenschaftliches Studium beginnen. Sie ist froh, bereits gearbeitet zu haben. „Eine Freundin studiert und hat einen Lebensalltag ähnlich wie in der Schule: Sie kommt heim und muss lernen. Wir Bufdis kommen heim und sind fertig. Das finde ich auch gut so.“

Flexibel und individuell im Einsatz

Ein weiteres Argument für Freiwilligendienste sei ihre Flexibilität, sagt Reinhold Großmann, pädagogischer
Leiter für den BFD bei der Caritas Würzburg. Die meisten würden ihren Dienst in zwölf Monaten absolvieren,
zwischen einem halben und anderthalb Jahren ist alles möglich. Außerdem lassen sich Beginn und Ende anpassen, auch wenn offizieller Stichtag der 1. September ist.
Unterschiede zwischen dem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) und dem BFD gebe es kaum, sagt Großmann.
Freiwilligendienstleistenden sei oft gar nicht klar, unter welche Kategorie sie fallen. Nur bei Finanzierung, Förderung oder Seminarinhalten gebe es Unterschiede.
Annika Herzog, pädagogische Leitung der kja, hat selbst als FSJlerin angefangen. Sie betont, wie wertvoll
dieses Angebot ist: „Eine tolle Chance, nach vielen Jahren, in denen man in der Schule liefern muss, auch
mal auszuprobieren zu arbeiten, etwas zu bewirken und darüber vielleicht auch einen Beruf zu finden.“ Sie
glaubt, dass etwa ein Drittel der Freiwilligendienstleistenden anschließend einen Beruf im sozialen Bereich
ergreift. Früher habe sich auch Interesse an einer pastoralen Ausbildung ergeben. Aus den vergangenen Jahren
sei ihr kein solcher Beispielfall bekannt. Wie viele Stellen dieses Jahr in der Diözese besetzt werden, ist unsicher – bei der kja ist es bisher etwa die Hälfte. Annika Herzog geht davon aus, dass sich viele Abiturienten den kleinen Jahrgang zunutze machen und sich verstärkt auf begehrte Studien- oder Ausbildungsplätze
bewerben.

Interessierte sind noch gesucht


Der Katholikentag, der vom 13. bis 17. Mai 2026 in Würzburg stattfindet, schreibt vier Stellen für Freiwilligendienstleistende aus – in der Öffentlichkeitsarbeit, der Beschaffung, der Organisation und dem Teilnahmeservice. Beim vergangenen Katholikentag zog eine junge Frau sogar aus Oberbayern nach Erfurt, um als Freiwillige zu arbeiten. Vielleicht gibt es auch Zuzügler nach Unterfranken.

Bildquelle: Angelina Horosun – Sonntagsblatt